Switzerland

Trotz Rekordwerten blickt der Schweizer Immobilienmarkt düster in die Zukunft


Der Krieg in der Ukraine bedeutet steigende Rohstoffpreise und Lieferengpässe. Das verzögert Bauvorhaben und verteuert sie © Keystone / Gaétan Bally

Die Covid-19-Pandemie hat den Schweizer Immobilienmarkt nicht erschüttert. Die Preise für Mehrfamilienhäuser haben ein Allzeithoch erreicht. Doch nun drohen der Krieg in der Ukraine und steigende Zinsen eine Trendwende.

Dieser Inhalt wurde am 13. April 2022 – 09:00 veröffentlicht

Der Schweizer Immobilienmarkt hatte 2021 ein aussergewöhnliches Jahr. Die Gesamtrendite, einschliesslich Mieteinnahmen und Wertentwicklung der Liegenschaften, war für Immobilieninvestoren so hoch wie seit sieben Jahren nicht mehr. Die Preise bewegen sich seit Jahren in eine Richtung – nach oben – und die Zinsen sind niedrig. Damit wurden ideale Bedingungen für diejenigen geschaffen, die sich die hohen Preise leisten und in Wohnungen oder ein Mehrfamilienhaus investieren konnten.

Doch der russische Einmarsch in die Ukraine Ende Februar brachte alle Prognosen durcheinander.

„Die Situation in der Ukraine hat uns eine neue Basis gegeben“, sagt Donato Scognamiglio von der Immobilienberatung IAZIExterner Link, sagte er letzten Monat an einer Pressekonferenz in Zürich. „Die Inflation – das Risiko, dem wir vorher nicht ins Auge sehen wollten – ist jetzt da.“

Pandemiefrei

Der Schweizer Immobilienmarkt hat die jüngsten Krisen gut überstanden.

„Seit 1998 haben wir eine Wertsteigerung nach der anderen erlebt“, sagte Scognamiglio. Das gilt sogar für die Finanzkrise 2008.

Das sagte Vorstandsmitglied der Schweizerischen Nationalbank (SNB), Fritz Zurbrügg, auf einer Konferenz in GenfExterner Link Ende März: «Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern gab es in der Schweiz vor der globalen Finanzkrise keinen Immobilienboom und danach auch keine Rezession.»

„Stattdessen sind die Preise für Wohnimmobilien seitdem stetig gestiegen“, fügte er hinzu.

Die Covid-Krise hat daran kaum etwas geändert. Der Marktwert von Mehrfamilienhäusern stieg 2021 im Vergleich zum Vorjahr um 4,1 % und erreichte damit ein Allzeithoch.

Schwieriger war hingegen die Situation auf dem gewerblichen Immobilienmarkt. Viele Einzelhändler in der Schweiz mussten Verluste hinnehmen, nachdem sie aufgrund von Pandemiebeschränkungen vorübergehend schließen mussten oder weil Menschen zu Hause blieben, um sich nicht mit dem Virus anzustecken. Aber auch Gewerbeimmobilien verzeichneten 2021 eine Wertsteigerung von 2,7 %.

Vergleich der Immobilienpreise in der Schweiz

Der Anstieg der Immobilienpreise ist kein Schweizer Unikat. Im Vergleich zu anderen Ländern wachsen sie nicht einmal besonders schnell, wie Zahlen der OECD zeigen.

Diese internationale Entwicklung ist laut Zurbrügg auf das knappe Immobilienangebot, die pandemiebedingt erhöhte Nachfrage nach Wohneigentum und die historisch tiefen Zinsen der letzten Jahre zurückzuführen.

Obwohl der Anstieg der Schweizer Preise im internationalen Vergleich moderat erscheint, gehören Immobilien in der Schweiz zu den teuersten der Welt, selbst wenn man das hohe durchschnittlich verfügbare Einkommen des Landes berücksichtigt.

schreckliche Warnung

Immobilien gelten allgemein als sichere Geldanlage. Die aktuelle Situation ist jedoch von einem erhöhten Risiko geprägt.

„Der Inflation werden unweigerlich Zinserhöhungen folgen“, sagte Scognamiglio. Ein Anstieg der Zinssätze könnte zu einem erheblichen Rückgang der Immobilienwerte führen. Das wäre vor allem für Menschen, die große Kredite für den Kauf von Immobilien aufgenommen haben, ein Problem.

Und wenn Schuldner ihre Hypothek nicht zurückzahlen können, ist das auch für die Banken ein Risiko, warnt die SNB. Betroffen wäre die nach wie vor stark vom Bankensektor abhängige Schweizer Wirtschaft. In der aktuellen Situation sind Banken anfällig für plötzliche Zinserhöhungen oder eine Verschlechterung der Wirtschaftslage.

„Es gibt Anzeichen für überhöhte Bewertungen an den Aktien- und Immobilienmärkten, und die Staats- und Unternehmensverschuldung ist weltweit hoch“, sagte Zurbrügg.

Die Wohnkosten werden voraussichtlich steigen

Wohnen wird nicht nur wegen Rekordimmobilienpreisen teuer bleiben.

Gemäss Bundesamt für Statistik heizen noch rund 60% der Haushalte in der Schweiz ihre Wohnung mit Öl oder Gas. In der Europäischen Union sind die Zahlen im Durchschnitt ähnlich. Die Schweiz ist wie viele europäische Länder beim Gas stark von Russland abhängig. So viele Schweizer, die unweigerlich vom Anstieg der Heizöl- und Gaspreise nach dem Krieg in der Ukraine betroffen sein werden.

Auch die Wohnungssuchenden werden wegen des Krieges zu kämpfen haben. Da die Schweiz als attraktiver und sicherer Arbeitsmarkt gilt, wird die Zuwanderung gemäss dem neusten Bericht zunehmenExterner Link von Wüest Partner Immobilienberatern. Auch ukrainische Flüchtlinge in der Schweiz benötigen Mietwohnungen.

Bereits vor Kriegsbeginn war das Angebot an Mietwohnungen stark zurückgegangen. Während der Covid-Pandemie wollten die Menschen mehr Wohnraum finden, da sie mehr Zeit zu Hause verbrachten, einschließlich der Arbeit aus der Ferne. Laut Wüest Partner ist das Angebot an Mietwohnungen deshalb in den vergangenen 12 Monaten so stark gesunken wie noch nie in den letzten neun Jahren.

Aus dem Deutschen übersetzt von Julia Bassam

Entspricht den JTI-Standards

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